Prof. Wirth: Mathematik ist mehr als Rechnen

Vierter Vortrag in der Reihe „Talente entdecken, Begabungen fördern“ des BuntStift e.V. Sindelfingen

„Die Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat.“ Mit diesem Zitat von Galileo Galilei leitete Hans Hatzl, Vorstand des BuntStift e.V., den Vortrag von Prof. Dr. Jens Wirth, Studiendekan Mathematik Lehramt an der Universität Stuttgart, ein. Viele Menschen verbänden Mathematik vor allem mit Schule und Pflicht. Gleichzeitig durchdränge mathematisches Denken unseren Alltag, unsere Technik und unsere Wissenschaft, deshalb sei es wichtig, Interesse für Mathematik zu wecken.

Prof. Wirth zeigte, was Mathematik über den Schulunterricht hinaus ist und wie mathematische Interessen und Begabungen bei Schülerinnen und Schülern gezielt gefördert werden können. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Mathematik häufig auf Rechnen reduziert werde, obwohl ihr Kern im problemlösenden Denken, im Entwickeln von Ideen und im strukturierten Argumentieren liege.

Anhand einfacher, aber gedanklich anspruchsvoller Aufgaben – etwa zur Bestimmung der letzten Ziffer großer Potenzen oder zur Überdeckung eines Schachbretts mit Dominosteinen – zeigte Wirth, dass mathematisches Denken nicht von umfangreichem Rechenwissen abhängt, sondern vom Erkennen zugrunde liegender Strukturen. Diese Beispiele verdeutlichten, wie mathematische Einsichten entstehen und warum Mathematik als Kulturgut ebenso wie als Zukunftstechnologie zu verstehen ist.

Im Hauptteil stellte Wirth den Schülerzirkel Mathematik der Universität Stuttgart vor, der seit über 20 Jahren Angebote zur Interessen- und Begabungsförderung macht. Ziel sei es, interessierten Schülerinnen und Schülern der Region frühzeitig Einblicke in echte Mathematik zu ermöglichen und sie langfristig zu begleiten. Die Arbeit des Schülerzirkels ist eng mit der universitären Lehramtsausbildung verzahnt: Viele Angebote werden von Lehramtsstudierenden mitentwickelt und durchgeführt, wodurch Theorie und Praxis der Lehrerbildung miteinander verbunden werden.

Zu den zentralen Angeboten zählen:

  • Mathematik-Tage für die Klassenstufen 7 bis 13 mit Vorträgen und Workshops an der Universität, die einen niedrigschwelligen Einstieg bieten.
  • Korrespondenzzirkel, bei denen Schülerinnen und Schüler über Aufgabenserien selbstständig arbeiten, Lösungen einsenden und Rückmeldungen erhalten.
  • Schülerseminare für die Klassen 8–10 (hybrid) sowie 11–13 (online), in denen über mehrere Termine hinweg zusammenhängende mathematische Themen behandelt werden.
  • Ein Schülerwettbewerb Mathematik & Physik, der Teamarbeit, theoretische Aufgaben und Experimente kombiniert.
  • Schülerstudienangebote, bei denen besonders leistungsfähige und mathematisch hochbegabte Schülerinnen und Schüler parallel zur Schule universitäre Vorlesungen besuchen und Prüfungsleistungen erwerben können.

Darüber hinaus ordnete Wirth diese Angebote in die Landschaft der mathematischen Wettbewerbe und Förderprogramme ein – von Mathematik-Olympiaden über den Bundeswettbewerb Mathematik bis hin zu Vorbereitungslagern für internationale Wettbewerbe. Er machte deutlich, dass diese Formen der Spitzenförderung ein hohes Maß an Vorbereitung erfordern und nur für eine kleine Zielgruppe geeignet sind, während der Schülerzirkel bewusst die Breite an mathematisch Interessierten ansprechen möchte.

Abschließend betonte Wirth drei zentrale Leitgedanken erfolgreicher mathematischer Bildung: Interesse wecken, Begabungen fördern und Erfolgserlebnisse schaffen. Wettbewerbe, Seminare und universitäre Angebote könnten hierzu einen wichtigen Beitrag leisten – insbesondere dann, wenn Schule und Hochschule eng zusammenarbeiten.

Wer aber weckte bei Prof. Wirth das Interesse für Mathematik? Das war für ihn Dr. Helmut König aus Chemnitz, der interessierten Schülern einer 8. Klasse „coole Mathematik beigebracht hat“.
Lehrkräfte können Interesse wecken, Begabungen fördern und Erfolgserlebnisse schaffen!

Vorankündigung:

Prof. Ulrich Trautwein spricht am 29. Januar, 19 Uhr, über
 „Begabte Kinder besser fördern: Was die Wissenschaft uns verrät!“