Prof. Trautwein: Begabte Kinder besser fördern – Was die Wissenschaft uns verrät

Mehr als 100 Teilnehmende, darunter zahlreiche Lehrkräfte aller Schularten, folgten der Einladung von BuntStift e. V., der Kinder- und Jugendakademie der Stadt Sindelfingen, zum letzten Vortrag der Reihe „Talente entdecken – Begabungen fördern“. Das große Interesse zeigte deutlich: Begabtenförderung ist kein Randthema, sondern eine konkrete Herausforderung schulischer Praxis.

Prof. Dr. Ulrich Trautwein

Referent des Abends war Ulrich Trautwein, Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, Fellow der American Educational Research Association und Berater von Bildungsverwaltung und Bildungspolitik. In seinem Vortrag verband er aktuelle Forschung mit schulnahen Beispielen – verständlich, lebendig und praxisorientiert.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Lehrkräfte Begabungen erkennen und fördern können, ohne Kinder vorschnell zu etikettieren. Trautwein stellte hierzu den Response-to-Intervention-Ansatz (RTI) vor, der zunehmend auch in der Begabtenförderung an Bedeutung gewinnt.

RTI bedeutet für den Schulalltag: Lehrkräfte reagieren nicht auf Vermutungen oder einzelne Testergebnisse, sondern auf beobachtbares Lernverhalten. Zunächst erhalten alle Schülerinnen und Schüler einen kognitiv anspruchsvollen Unterricht. Zeigt sich dabei, dass einzelne Lernende deutlich schneller vorankommen oder mehr Tiefe benötigen, werden gezielt Interventionen eingesetzt.

Diese können auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen:

  • unterrichtsnah, etwa durch komplexere Aufgaben, offene Problemstellungen oder stärker selbstreguliertes Lernen
  • unterrichtsergänzend, etwa durch Enrichment-Angebote wie Arbeitsgemeinschaften, Wettbewerbe oder Kinderakademien
  • beschleunigend, etwa durch zeitweises Lernen in höheren Lerngruppen oder andere Formen der Akzeleration
  • individuell vertiefend, etwa durch Projekte, Mentoring oder spezialisierte Förderprogramme

Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Maßnahme, sondern die kontinuierliche Beobachtung: Reicht das Angebot aus? Profitiert die Schülerin oder der Schüler davon? Oder braucht es eine Anpassung? Förderung wird so als dynamischer Prozess verstanden.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf strukturellen Förderangeboten außerhalb der Schule, insbesondere auf den Hector Kinderakademien für den Grundschulbereich, die landesweit angeboten werden, und dem Hector-Seminar für besonders leistungsstarke Jugendliche der Sekundarstufe. Das Hector-Seminar gilt als sehr wirksam, ist bislang jedoch auf Nordbaden begrenzt. In der Diskussion wurde aus dem Kreis der Eltern und Lehrkräfte mehrfach die Frage gestellt, warum ein solches Modell nicht landesweit verfügbar sei, zum Beispiel in Sindelfingen. Als Hauptgrund nannte Trautwein den erheblichen Bedarf an speziell qualifizierten Lehrkräften, außerdem sei eine lokale und administrative Initiative notwendig.

Deutlich wurde an diesem Punkt ein zentraler Gedanke des Abends: Begabtenförderung braucht nicht nur Konzepte, sondern auch eine klare Haltung. Trautwein betonte, dass Exzellenz und Leistung in Schule und Gesellschaft selbstverständlich anerkannt werden müssten – nicht als Abwertung anderer, sondern als Teil von Bildungsgerechtigkeit. Begabte Kinder seien nicht „mehr wert“, benötigten aber ebenso ernsthafte Unterstützung wie andere Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedarfen.

Für Schulen bedeute das, Begabtenförderung nicht als Zusatzaufgabe für Einzelne zu betrachten, sondern als Teil professioneller Schulentwicklung: sichtbar, legitimiert und mit struktureller Unterstützung versehen. Nur wenn Förderung ausdrücklich gewollt sei von Schule, Verwaltung und Politik könne sie im Alltag wirksam umgesetzt werden.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass viele Lehrkräfte sich genau hier mehr Rückhalt wünschen: klare Signale, dass Begabtenförderung erwünscht sei, Fortbildungsangebote und Zeiträume für individuelle Förderung.

Der Vorsitzende des BuntStift e. V., Hans Hatzl, zog ein positives Fazit:
„Begabtenförderung gelingt nur dann nachhaltig, wenn sie ernst genommen wird, fachlich, strukturell und in der Haltung. Der heutige Abend hat dafür wichtige Impulse gesetzt.“

Einladung zu Prof. Ulrich Trautwein: „Begabte Kinder besser fördern – was uns die Wissenschaft verrät

Prof. Dr. Trautwein ist einer der international führenden Bildungsforscher im Bereich Begabtenförderung. In seinem Vortrag stellt er aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vor und zeigt auf, wie erfolgreiche Fördermodelle – unter anderem die Hector Kinderakademien – zur Qualitätsentwicklung im Bildungssystem beitragen können.

Kaum ein Bereich im Bildungssystem hat über lange Zeit so stark unter der Missachtung durch die Politik, der Proliferation gefährlicher Mythen bei Lehrkräften und in der Öffentlichkeit sowie einer fehlenden Professionalisierung gelitten wie die Begabtenförderung. Inzwischen zeichnet sich jedoch eine Trendwende ab.
Prof. Trautwein spricht auch über die Hector-Seminare für die Sekundarstufe, die es bisher nur in Nordbaden gibt, und deren möglichem Potenzial für den Raum Sindelfingen/Böblingen.
Der Vortrag bietet damit praxisrelevante Impulse für die kommunale Bildungs- und Standortpolitik. Im Anschluss ist ein kurzer Austausch vorgesehen.

Prof. Wirth: Mathematik ist mehr als Rechnen

Vierter Vortrag in der Reihe „Talente entdecken, Begabungen fördern“ des BuntStift e.V. Sindelfingen

„Die Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat.“ Mit diesem Zitat von Galileo Galilei leitete Hans Hatzl, Vorstand des BuntStift e.V., den Vortrag von Prof. Dr. Jens Wirth, Studiendekan Mathematik Lehramt an der Universität Stuttgart, ein. Viele Menschen verbänden Mathematik vor allem mit Schule und Pflicht. Gleichzeitig durchdränge mathematisches Denken unseren Alltag, unsere Technik und unsere Wissenschaft, deshalb sei es wichtig, Interesse für Mathematik zu wecken.

Prof. Wirth zeigte, was Mathematik über den Schulunterricht hinaus ist und wie mathematische Interessen und Begabungen bei Schülerinnen und Schülern gezielt gefördert werden können. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Mathematik häufig auf Rechnen reduziert werde, obwohl ihr Kern im problemlösenden Denken, im Entwickeln von Ideen und im strukturierten Argumentieren liege.

Anhand einfacher, aber gedanklich anspruchsvoller Aufgaben – etwa zur Bestimmung der letzten Ziffer großer Potenzen oder zur Überdeckung eines Schachbretts mit Dominosteinen – zeigte Wirth, dass mathematisches Denken nicht von umfangreichem Rechenwissen abhängt, sondern vom Erkennen zugrunde liegender Strukturen. Diese Beispiele verdeutlichten, wie mathematische Einsichten entstehen und warum Mathematik als Kulturgut ebenso wie als Zukunftstechnologie zu verstehen ist.

Im Hauptteil stellte Wirth den Schülerzirkel Mathematik der Universität Stuttgart vor, der seit über 20 Jahren Angebote zur Interessen- und Begabungsförderung macht. Ziel sei es, interessierten Schülerinnen und Schülern der Region frühzeitig Einblicke in echte Mathematik zu ermöglichen und sie langfristig zu begleiten. Die Arbeit des Schülerzirkels ist eng mit der universitären Lehramtsausbildung verzahnt: Viele Angebote werden von Lehramtsstudierenden mitentwickelt und durchgeführt, wodurch Theorie und Praxis der Lehrerbildung miteinander verbunden werden.

Zu den zentralen Angeboten zählen:

  • Mathematik-Tage für die Klassenstufen 7 bis 13 mit Vorträgen und Workshops an der Universität, die einen niedrigschwelligen Einstieg bieten.
  • Korrespondenzzirkel, bei denen Schülerinnen und Schüler über Aufgabenserien selbstständig arbeiten, Lösungen einsenden und Rückmeldungen erhalten.
  • Schülerseminare für die Klassen 8–10 (hybrid) sowie 11–13 (online), in denen über mehrere Termine hinweg zusammenhängende mathematische Themen behandelt werden.
  • Ein Schülerwettbewerb Mathematik & Physik, der Teamarbeit, theoretische Aufgaben und Experimente kombiniert.
  • Schülerstudienangebote, bei denen besonders leistungsfähige und mathematisch hochbegabte Schülerinnen und Schüler parallel zur Schule universitäre Vorlesungen besuchen und Prüfungsleistungen erwerben können.

Darüber hinaus ordnete Wirth diese Angebote in die Landschaft der mathematischen Wettbewerbe und Förderprogramme ein – von Mathematik-Olympiaden über den Bundeswettbewerb Mathematik bis hin zu Vorbereitungslagern für internationale Wettbewerbe. Er machte deutlich, dass diese Formen der Spitzenförderung ein hohes Maß an Vorbereitung erfordern und nur für eine kleine Zielgruppe geeignet sind, während der Schülerzirkel bewusst die Breite an mathematisch Interessierten ansprechen möchte.

Abschließend betonte Wirth drei zentrale Leitgedanken erfolgreicher mathematischer Bildung: Interesse wecken, Begabungen fördern und Erfolgserlebnisse schaffen. Wettbewerbe, Seminare und universitäre Angebote könnten hierzu einen wichtigen Beitrag leisten – insbesondere dann, wenn Schule und Hochschule eng zusammenarbeiten.

Wer aber weckte bei Prof. Wirth das Interesse für Mathematik? Das war für ihn Dr. Helmut König aus Chemnitz, der interessierten Schülern einer 8. Klasse „coole Mathematik beigebracht hat“.
Lehrkräfte können Interesse wecken, Begabungen fördern und Erfolgserlebnisse schaffen!

Vorankündigung:

Prof. Ulrich Trautwein spricht am 29. Januar, 19 Uhr, über
 „Begabte Kinder besser fördern: Was die Wissenschaft uns verrät!“

Prof. Jens Wirth: Mathematik entdecken, Schüler*innen fördern

Mit Mathematiktagen, Seminaren und Korrespondenzangeboten weckt der Schülerzirkel der Universität Stuttgart Interesse an Mathematik und zeigt, wie Mathematik unseren Alltag prägt. Prof. Wirth stellt die Ziele des Zirkels vor: Neugier zu wecken und Freude an Mathematik zu vermitteln, nicht nur für „Überflieger“, sondern für alle interessierten Schülerinnen und Schüler.
15.01.2026, 19 Uhr, Vortragssaal der VHS im Stiftsgymnasium Sindelfingen